Sternsstunde für „Chinese Democracy“ [Update]

0

[IMG=left]/php/news/newsbilder/bilder/news_newgnrlogo2.jpg[/IMG] In der letzten News berichteten wir von dem sehr gutem Review des ‚Rolling Stone‘, wo Chinese Democracy 4 von 5 Sternen abräumte. Hier die Deutsche Übersetzung: [MEHR]

Guns N‘ Roses – „Chinese Democracy“ Rezension Kommen wir gleich zur Sache: Die erste LP-Veröffentlichung mit neuem Material von Guns N‘ Roses seit der ersten Bush-Administration ist ein brillantes, draufgängerisches, konfuses und kompromissloses Hardrock-Album. Man könnte also sagen, die Platte klingt ziemlich genau wie diejenigen Guns N‘ Roses, die man von früher kennt. Gelegentlich klingt es wie die Combo, die im Jahr 1987 „Appetite For Destruction“ mit geballten Fäusten zu einem Klassiker machte; größtenteils erinnern die neuen Songs jedoch an die beiden „Use Your Illusion“-Alben, die 1991 erschienen, wobei dieser Sound nunmehr auf eine einzige, explosive Platte komprimiert ist: superharte Gitarren, orchestrale Einlagen, elektronische HipHop-Elemente, Metal-Chöre und Axl Roses unverwechselbare Stimme, die nach wie vor verdammt lebhaft klingt. Selbst wenn Rose irgendwann darüber ins Zweifeln geraten sein sollte, wie viel Zeit (13 Jahre), Geld (14 Studios werden im Booklet aufgeführt) und Personal ihn „Chinese Democracy“ gekostet hat – schließlich ist außer ihm kein Gründungsmitglied mehr dabei -, ist davon in diesen 14 Songs nichts zu hören. „Ich wette, du denkst, dass ich das alles für meine Gesundheit tue“, singt er – frei übersetzt – über den flächendeckenden Gitarrenbomben von „I.R.S.“, übrigens eine von vielen textlichen Anspielungen, mit denen er zeigt, dass er sehr genau weiß, wie viele Menschen momentan über ihn denken: dass sein Leben in den letzten 15 Jahren aus den Gleisen geraten ist und er, inzwischen 46 Jahre alt, allenfalls ein Schattendasein am Rande des Abgrunds geführt hat. Wenn er dann aber die optimistische Zeile „All things are possible/I am unstoppable“ zurückschnauzt (in dem Hammersong „Scraped“), ist das keinesfalls blinde Selbstüberschätzung, sondern einfach nur ein gutes altes „Fuck You“, wie man es von Rock’n’roll-Musikern kennt und erwartet – schließlich sind er und seine Band durch diese Haltung überhaupt erst berühmt geworden. Es gibt noch eine Sache, die Rose im Verlauf von „Chinese Democracy“ immer wieder zum Besten gibt: Nur Verlierer üben sich in Zurückhaltung. Passend dazu explodieren die Gitarren auf dem Album in alle Richtungen – zum Beispiel wären da das messerscharfe Lick, mit dem „Chinese Democracy“, der erste Track, eröffnet wird, der sandige Sound von „Riad N‘ The Bedouins“ und die kreischenden Gitarren-Schleifen, die sich über dem düsteren Fundament von „Street Of Dreams“ ausbreiten. Was Slash und Izzy Stradlin früher zu zweit erledigt haben, bedarf nun einer ganzen Wand aus Gitarren: Bei manchen Stücken arbeitet Rose mit bis zu fünf Gitarristen – Robin Finck, Buckethead, Paul Tobias, Ron „Bumblefoot“ Thal und Richard Fortus -, die allesamt ihre Riffs und Soli zu einem breit angelegten Soundteppich beisteuern. Langeweile klingt anders. Ich persönlich bin nach wie vor felsenfest davon überzeugt, dass das wilde und überladene „Oh My God“ – der erste „Chinese Democracy“-Track, der schon 1999 für den Filmsoundtrack von „End of Days/Nacht ohne Morgen“ verschwendet wurde – besser ist, als sämtliche Stücke auf „The Spaghetti Incident?“, dem Cover-Album, das Guns N‘ Roses 1993 veröffentlichten. Die meisten der neuen Stücke zeichnen sich durch eine extreme Fülle und Vielfalt aus, als ob Rose immer neue Refrains oder Übergänge ausprobiert hätte, um dann zu folgender Einsicht zu gelangen: „Scheiß drauf, die sind alle cool.“ „Better“ beginnt wie ein HipHop-Mailbox-Spruch – minimale Gitarren, Drumcomputer und Rose mit Falsett-Gesang („No one ever told me when/I was alone/They just thought I’d know better“) -, bis das Ganze zu einer klassischen und knallharten Sunset-Strip-Nummer ausartet. Im Fall von „If The World“ zerpflückt Buckethead seine spanische Akustikgitarre über einem Groove, der an Blaxploitation-Filme erinnert, während Rose eindrucksvoll beweist, dass er seine Vokale immer noch länger halten kann – er klingt einerseits wie ein Folteropfer, andererseits wie ein Flugzeug im Landeanflug – als jeder andere Rocksänger. Auf „There Was A Time“ passieren so viele Dinge gleichzeitig – Streicher und Mellotron, ein gewaltiger Chor und Roses sauer knurrender Gesang, eine Wah-Wah-Gitarre und ein Ende, das keins ist (weil noch mehr Chorgesang folgt) -, dass man ohne weiteres glauben könnte, Rose habe allein an diesem Arrangement ein ganzes Jahrzehnt gearbeitet. Trotzdem artet der Song nie ein Chaos aus; er klingt eher wie die angestaute Summe schlechter Erinnerungen und Lektionen, die der Sänger auf die harte Tour lernen musste. Schon mit den ersten Zeilen begibt er sich zu den Anfangstagen seiner Karriere zurück – „Broken glass and cigarettes/Writin‘ on the wall/It was a bargain for the summer/An‘ I thought I had it all“ -, um den Trümmerhaufen mit der Unterstützung von einem Orchester und den obligatorischen Gitarren im Verlauf des Stücks immer größer werden zu lassen. Am Ende verschmelzen Unmut über verpasste Chancen und ein vertonter Stinkefinger zu einer Einheit: „If I could go back in time… but I don’t want to know it now.“ Wenn das diejenigen Guns N‘ Roses sind, die sich Rose all die Jahre vorgestellt hat, ist auch klar, dass zwei Gitarren, ein Bass und ein Schlagzeug für die Umsetzung niemals ausgereicht hätten. Offensichtlich ist auch, dass er diese neuen Guns N‘ Roses trotz des ewigen Hin und Her als Band betrachtet, genau wie diejenige Gruppe, die „Welcome To The Jungle“, „Sweet Child O‘ Mine“, „Used To Love Her“ und „Civil War“ aufgenommen hat. Die umfangreichen Credits im Booklet von „Chinese Democracy“ lassen keine Fragen offen: Sämtliche Mitstreiter werden erwähnt. Meine Lieblingsformulierung: „Initial arrangement suggestions: Youth on `Madagascar´“ – zu Deutsch etwa: „Erste Vorschläge für die Umsetzung des Songs…“ Rose selbst übernimmt die Hauptrolle – „Lyrics N‘ Melodies by Axl Rose“ steht im Booklet -, doch hat er, mit Ausnahme eines Stücks, sämtliche Songs zusammen mit anderen Musikern geschrieben. Der Bassist Tommy Stinson hat bei fast allen Stücken seine Finger im Spiel, und der Keyboarder Dizzy Reed, der einzige Verbleibende von den „Use Your Illusion“-Alben, steuert für „Street Of Dreams“ sogar ein paar an Elton John erinnernde Melodien bei. Trotzdem singt Rose kontinuierlich von der Kraft des eigenen Willens und von der Arbeit als Einzelgänger, auch wenn er sich in einen größeren Kampf begibt – wie im Fall von „Chinese Democracy“. Auf „Madagascar“, das Rose schon seit Jahren bei Konzerten spielt, integriert er sogar Samples von Dr. Martin Luther Kings „I Have A Dream“-Rede und Dialogpassagen aus dem Film „Der Unbeugsame“. Und auf dem Song „Prostitute“, dem letzten Stück der LP, macht er schließlich nach einer fast schon klassischen Tenoreinlage einen gewaltigen Satz in ein Meer aus fünf Gitarren, über dem ein orchestrales Gewitter tobt, während er losheult: „Ask yourself/Why I would choose/To prostitute myself/To live with fortune and shame.“ Prostitution und Ausverkauf kommen also nicht in Frage. Während der langen Irrfahrt, die zu „Chinese Democracy“ geführt hat, ging es ihm keinesfalls um Paranoia oder Fragen der Kontrolle über das Projekt. Stattdessen wollte er einfach nur „Ich werde da nicht mitspielen“ sagen, obwohl ihn alle immer wieder bedrängt und gesagt haben: „Du musst.“ Sicherlich kann man darüber streiten, ob ein Rockalbum derart maßlos und ausschweifend sein sollte. Doch gerade weil Axl Rose die Antwort auf diese Frage scheißegal ist, ist „Chinese Democracy“ schon jetzt ein Meilenstein der Rockmusik.

Link|Diskutiert darüber im LALD Forum|http://www.gunsnrosesforum.de/showthread.php?t=12268&page=3|blank

Share.

About Author

Leave A Reply